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Werner SeelenbinderMorgen wäre der am 2. August 1904 geborene Neuköllner Arbeitersportler und Widerstandskämpfer 100 Jahre alt geworden.
Eine fast schon legendäre Gestalt des Berliner Arbeitersports war der Neuköllner Ringer Werner Seelenbinder. Er war schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ein bekannter und erfolgreicher Arbeitersportler und errang in seiner Gewichtsklasse den Titel eines deutschen Amateurmeisters. Trotz seiner Siege und Auszeichnungen blieb Werner Seelenbinder ein bescheidener Mensch und arbeitete auch weiterhin in seinem Beruf als Transportarbeiter. 1933 übertrug die KPD dem Neuköllner Proletarier die Aufgabe, einem legalen deutschen Sportverein beizutreten, sich dort höchstmöglich zu qualifizieren und die sich daraus ergebenden internationalen Verbindungen für die Untergrundarbeit der KPD zu nutzen. Den sportlichen Teil dieser Aufgabe absolvierte Seelenbinder mit Bravour. Er qualifizierte sich für die deutsche Nationalmannschaft und wurde Teilnehmer der Olympischen Spiele 1936 in Berlin.
Die Teilnahme an Auslandswettkämpfen bot ihm wiederholt die Möglichkeit, Informationen und Materialien seiner verfolgten Partei an ausländische Freunde weiterzugeben, sowie umgekehrt Material für die illegale Arbeit in Deutschland in Empfang zu nehmen. Seit 1938 stand der Ringer in enger Verbindung zur Gruppe um Robert Uhrig und beteiligte sich auch an der Herstellung und des Versandes illegalen Materials an Frontsoldaten. Und als im Sommer 1941 Alfred Kowalke als Auslandsbeauftragter der KPD nach Berlin kam, war es Werner Seelenbinder, der ihm ein illegales Quartier bei Johannes Zoschke verschaffte und den Kontakt zu führenden Kommunisten herstellte. Im Zusammenhang mit der Zerschlagung der Gruppe Uhrig wurde Werner Seelenbinder am 4. Februar 1942 festgenommen. Nach zwei Jahren schwerer Haft in Konzentrationslagern und Zuchthaus wurde Werner Seelenbinder am 24. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg ermordert. Er hinterließ folgenden Abschiedsbrief: »Die Stunde des Abschieds ist nun für mich gekommen. Ich habe in der Zeit meiner Haft wohl alles durchgemacht, was ein Mensch so durchmachen kann. Krankheit und körperliche und seelische Qualen, nichts ist mir erspart geblieben. Ich hätte gerne gemeinsam mit Euch, mit meinen Freunden und Sportkameraden, die Köstlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens, die ich jetzt doppelt zu schätzen weiß, nach dem Krieg mit Euch erlebt. Es waren schöne Stunden, die ich mit Euch verlebt habe, und ich habe in meiner Haftzeit davon gezehrt und mir diese herrliche Zeit zurück gewünscht. Das Schicksal hat es nun leider nach langer Leidenszeit anders bestimmt. Ich weiß aber, daß ich in den Herzen von Euch und auch bei vielen Sportanhängern einen Platz gefunden habe, den ich immer darin behaupten werde. Dieses Bewußtsein macht mich stolz und stark und wird mich in letzter Stunde nicht schwach sehen.« Zwar trug das Stadion an der Oderstraße nach dem Krieg für eine kurze Zeit den Namen Werner Seelenbinders, aber ansonsten geriet er in der Bundesrepublik schnell in Vergessenheit — so wie man alles vergessen wollte, was mit dem kommunistischen Widerstand zu tun hatte. Umgekehrt wurde er in der DDR verehrt und zahlreiche Straßen, Plätze, Schulen und Sportanlagen trugen bis 1989 seinen Namen — viele von ihnen sind heute abgewickelt, will heißen, umbenannt.
Und die Konrad-Agahd-Grundschule in der Neuköllner Thomasstraße, in deren Turnhalle Werner Seelenbinder trainierte, weist zwar auf ihren Internetseiten auf den vielgelobten Unterricht in Internet- und Computerkompetenz hin, verliert aber kein einziges Wort über den berühmten Sportler und Widerstandskämpfer. Dabei ließ der Senat sogar eine Gedenktafel dort anbringen.
Der Stadtchronist Dieter Huhn schrieb: »Die Asche Seelenbinders ruht, ruht?, im Stadion Neukölln. Wie ist sie da hingekommen? Wer hat sie aufgelesen in Brandenburg? Diejenigen, die Seelenbinder rasch niedergedrückt haben auf das Brett, unter der Justizguillotine, das werden Leute gewesen sein wie er, die Akademiker, die den Tod unterschrieben, hielten sich zurück. Die Welt lässt sich unterscheiden in Faschisten und Antifaschisten, viel leichter in oben und unten.« LiteraturHans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Neukölln. Heft 4 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin (Gedenkstätte deutscher Widerstand) 1990. Artikel vom 1. August 2004, Autor: Jörg Kantel, Photos: Gabriele Kantel (5), Bund der Antifaschisten Köpenick (1), PDS Neukölln (1). Ein Klick auf die Farbphotos öffnet Vergrößerungen in einem neuen Fenster. Werbung |
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