Rund um den RollbergDes Schockwellenreiters Neuköllner Chroniken |
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Zur Zeit der Eröffnung im März 1853 lag der »(Erste/Alte) Friedhof der St. Jacobi-Kirchengemeinde am Rollkrug« noch weit vor der südlichen Berliner Stadtgrenze auf freiem Feld der Gemarkung von Rixdorf am Abhang der Rollberge. Hier gab es überwiegend Ackerflächen, die eine oder andere Windmühle auf dem Plateau des Höhenzuges, Wiesen im unteren Umfeld sowie den bekannten »Rollkrug« an der Gabelung der Chausseen nach Britz (heute Hermannstraße) und Rixdorf (heute Karl-Marx-Straße). Die Gegend geriet jedoch ab ca. 1860 in den Sog der rasanten Metropolenbildung der Hauptstadt, spätestens 1905 war der Kirchhof an drei Seiten von Wohnquartieren der Stadt Rixdorf umschlossen, die vierte Seite wird seit Anbeginn von der Hermannstraße begrenzt.
Daher war es nur folgerichtig, daß sich nicht nur Mitglieder der Luisenstädter St. Jacobi-Gemeinde, sondern auch Rixdorfer Bürger hier bestatten ließen. So sind hier nicht nur Prominente wie die Maler Eduard Holbein (1806 - 1875), Georg Friedrich Bolte (1814 - 1877) und Franz Skarbina (1849 - 1910), der Geograph und Kartograph Heinrich Kiepert (1818 - 1899), der Sanskrit-Forscher Albrecht Weber (1825 - 1901), der Germanist und Märchensammler Johannes Bolte (1858 - 1937), der Mechaniker und Konstrukteur Rudolf Fuess und der Theologe und Begründer der St. Jacobi-Gemeinde Johann Friedrich Bachmann (1799 - 1876) beerdigt, sondern auch eine Reihe Rixdorfer resp. Neuköllner Größen wie der Stadtbaurat Reinhold Kiehl (1874 - 1913), der Industrielle und Kommunalpolitiker Hermann Sander (1845 - 1939) und der Pädagoge, Sammler, Naturkundler und Heimatforscher und Begründer des Neuköllner Heimatmuseums Emil Fischer (1865 - 1932). Der besondere Reiz des Kirchhofs dürfte in seinem abwechslungsreichen Erscheinungsbild liegen, das geschickt in den Südhang des Rollbergs eingepaßte System der Gräberfeldeinteilung und die Wegeführung, die Eintönigkeit gar nicht erst aufkommen läßt. Daher wurde der Friedhof von der Denkmalschutzbehörde des Berliner Senats zum Gartendenkmal erklärt. Die Erbbegräbnisse entlang der Ostmauer Anders als bei vielen anderen Berliner Friedhöfen ist auf dem Alten St. Jacobi-Kirchhof nur die zweifach gewinkelte Begrenzung an der Ostseite mit stattlichen Erbbegräbnissen bebaut worden. Da schön früh über eine Erweiterung nach Süden nachgedacht wurde, kam die Südseite nicht in Frage, die westliche Seite war immer durch die Erweiterung der Chausse nach Britz, der heutigen Hermannstraße gefährdet, so daß auch hier keine Erbbegräbnisse errichtet werden konnten.
Bei der Erbbegräbnisanlage an der Ostmauer fehlen neben zahlreichen im Zweiten Weltkrieg und danach zerstörten und aufgehobenen Familienanlagen die ersten acht Grabstätten aus der Zeit vor 1910, die im Zuge der Verbreitung der Berliner Straße (heute Karl-Marx-Straße) und dem Neubau der Friedhofskapelle am vorderen Eingangsbereich 1910 - 1912 abgerissen und vermutlich an anderer Stelle wieder aufgebaut worden sind. Die heute vorhandenen Grabstätten an der Ostmauer, ursprünglich waren es fünfundsechzig, reichen zeitlich etwa von 1860 bis 1940, stilistich vom ausklingenden Klassizismus bis hin zu Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und Neoklassizismus. Auf mehreren dieser Erbbegräbnisse wurden nach dem Auslaufen der Nutzungsrechte in den 1980er Jahren Urnengräber angelegt, da die Fläche für Bestattungen des von der Mauer umschlossenen Westberlins damals sehr knapp wurden. Das Gittergräberfeld Mit der wachsenden Verstädterung wurden ab ca. 1870 die Friedhofsordnungen vielerorts den neuen Bedingungen angepaßt. Neben den traditionellen Erbbegräbnissen wurden Familiengrabstellen zur Pacht oder zum Kauf angeboten. Solch ein Familiengrab ist ein Rechts-Bezirk, der einer eindeutigen Abgrenzung zu den Nachbargräbern und zu den öffentlichen Wegen bedurfte. Daher wurden diese Stellen umzäunt, dem Geist der Zeit folgend meist mit Gußeisen oder geschmideten Gittern und Ketteneinfassungen. Der Zutritt zu den darin eingebetteten Gräbern war nur den Angehörigen gestattet, die auch Schlüssel zu den verschließbaren Türen besaßen.
Ab ca. 1905 ist eine Abkehr von der Kultur der eisernen Grabgitter festzustellen: Die Einfassung der Grabstätten wurden niedriger und häufig durch steinerne Mauern und Kanten oder gar durch »lebende Hecken« ersetzt. Zudem waren alte Grabgitter in Zeiten des Rohstoffmangels gern aufgekaufter Schrott. Das jetzt noch vorhandene Gittergräberfeld wurde seit Mai 1886 belegt, hierbei wurden die Friedhofsvorschriften allmählich erheblich aufgeweicht: Seit ca. 1890 gibt es unterschiedliche Gitterhöhen und die Rückwände türmen sich zunehmend zu gewaltigen, manchmal mehr als drei Meter hohen Monumenten auf. Das Gittergräberfeld war spätestens Ende der 1920er Jahre vollständig »parzelliert«, neue Grabstellen konnten nicht mehr aufgemacht werden. Der Urnenhain
Das Bauensemble am Friedhofseingang Dieses zusammengefaßte Eingangsentree an der Karl-Marx-Straße 4-10 gehört zu den bemerkenswertesten Friedhofsbauten in Berlin. Es entstand 1911 - 1912 nach Plänen des Rixdorfer Stadtbaurats Reinhold Kiehl, als im Zuge der Erweiterung der heutigen Karl-Marx-Straße der Eingangsbereich des Friedhofs um einige Meter zurückgesetzt werden mußte.
Die Bezugnahme auf antike Vorbilder schlug sich sowohl in den baulichen Motiven Portalbau, Säulenkollonaden, Säulenhof und tempelartiger Feierhalle als auch in der neoklassizistischen Stilfassung wieder. Die Kapelle erscheint als römisch-antiker Tempel. In der Achse gegenüber plazierte Kiehl das Verwaltungsgebäude, beide Bauwerke wurden durch einen Säulengang verbunden. In der Mitte des Säulenhofes steht auf einem Postament die Staute des »Segnenden Christus«, die der Bildhauer Adolf Busch nach dem berühmten Original von Bertel Thorvaldsen als Kopie geschaffen hat. Photos Hier geht es zur Photostrecke mit 33 Photos und weiteren Erläuterungen zu den einzelnen Grabstätten. Außerdem gibt es von uns ein flickr-Photoset Der Alte Friedhof der St. Jacobi-Kirchengemeinde mit zur Zeit 65 Photos. Literatur Ralph Jaeckel und Heidrun Siebenhühner: Der Alte Friedhof der St. Jacobi-Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln. Ein Friedhofsführer, Berlin (Edition Luisenstadt) 2006. Artikel vom 17. September 2006, Text: Jörg Kantel, Photos: Gabriele Kantel. Werbung |
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