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Des Schockwellenreiters Neuköllner Chroniken

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Die Hasenheide

Die Hasenheide ist Neuköllns größte, älteste und bekannteste Grünanlage.

»Ganz Sibirien ist eine Fortsetzung unserer Hasenheide.«
(Alexander von Humboldt)

Der Volkspark Hasenheide erfüllt für die Bezirke Kreuzberg und Neukölln — die nicht gerade üppig mit Grünflächen ausgestattet sind — eine wichige Erholungs- und Freizeitfunktion. Zentral gelegen und etwa 50 Hektar groß bevölkern an schönen Tage Freizeitsportler und Anhänger des Grillens die Rasenflächen.

Die Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 Die Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 Die Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004

Der Begriff Hasenheide tauchte erstmals 1678 auf, als der Kurfürst ein damals noch 105 Hektar großes, 1650 erworbenes Areal als Hasengehege einzäunen ließ, damit er immer frischen Braten auf den Tisch bekam. Sehr zum Ärger der Tempelhofer Bauern übrigens, die dort vorher ihr Vieh weiden ließen. Dieser Konflikt führte zu ständigen Rechtsstreitigkeiten, die erst 1851 endgültig geklärt wurden. Doch schon am 17. Dezember 1808 ging die Hasenheide vom königlichen Privatbeitz in Staatseigentum über. Die Hasenheide unterstand damit dem Dömanen- und Forstfiskus. Von 1764 bis etwa 1806 wurden erste Parzellen in Erbpacht vergeben und in der Hasenheide Gasthäuser errichtet, in denen geraucht werden durfte. Diese Tabagien waren für die Berliner um 1800 ein beliebtes Ausflugsziel und begründeten die Tradition der Hasenheide als Vergnügungszentrum.

Künstlich angelegter Teich in der Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 Das südlich der Hasenheide gelegene Tempelhofer Feld, heute Flughafen Tempelhof, war seit spätestens 1722 regelmäßig Exerzierfeld. Und auch die Hasenheide wurde immer wieder militärisch genutzt. Teile der Hasenheide wurden ab 1810 als Schießstände eingerichtet.

Aber auch eine Geschichte als Landschaftsgarten hat der Park. Schon 1838 wurde er von Peter Josef Lenné umgestaltet, doch ist hierzu die Quellenlage so dünn, daß nicht mehr herauszubekommen war, wo Lennésche Elemente noch in der heutigen Hasenheide zu finden sind. Lenné jedenfalls erhielt den Auftrag vom Kriegsministerium (sic!), das sich vom Halleschen Ufer über die Hasenheide bis hin zu den Exierzierplätzen auf der Tempelhofer Feldmark eine »leichte Chausseeanlage« wünschte.

Zwar wurde schon am 21. Juni 1925 der Volkspark Hasenheide eingeweiht, seine heutige Gestalt erhielt er aber erst in den Jahren 1936 bis 1939 durch den Stadtgartendirektor Joseph Pertl (1899 - 1989).

Die Jahneiche an der Ecke Karlsgarten-/Fontanestraße, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 Berühmt wurde die Hasenheide jedoch durch die Aktivitäten des »Turnvaters« Friedrich Ludwig Jahn (hier eine Biographie). Gleich an drei verschiedenen Stellen errichtete er seinen Turnplatz, der als die Wiege der deutschen Turnerei gilt. (Wobei das »deutsch« durchaus wörtlich zu nehmen ist, Jahn tümelte sehr deutsch...) Der erste Turnplatz (1811 bis 1812) war in der Nähe des Südsterns, dort wo heute die Johannes-Basilika als Sitz der päpstlichen Nuntiatur steht. Jahn waren jedoch die »Tabagien« und Kaffeehäuser an der heutigen Straße Hasenheide ein Dorn im Auge, und so wurde der Turnplatz 1812 weiter in die Hasenheide, in die Höhe des heutigen Karlsgarten nahe der Jahn-Eiche verlegt. Dieser Turnplatz bestand bis zum Turnverbot 1819/1820. Turnen war zwar als vormilitärische Erziehung anerkannt, die Organisation außerhalb des Staates jedoch der einsetzenden Restauration der Metternich-Ära ein Dorn im Auge.

Ein kleiner Exkurs am Rande: Die Untersuchung gegen Jahn als »Demagogen« führte kein geringerer als E.T.A. Hoffmann, der als »Gespenster-Hoffmann« in die Literaturgeschichte einging, aber damals »hauptberuflich« einer der höchsten Justizbeamten Preußens war. Der schmächtige Hoffmann war natürlich kein Freund des Turnens, er hielt das für »Knabenunfug«. Aber trotzdem verlangte er — vergeblich — in einer hundertseitigen juristischen Arbeit die Freilassung Jahns, da er in der Turnerei keinen »Hochverrat« erkennen konnte. Diese Auseinandersetzung mit dem preußischen Polizeiminister von Kamps hat Hoffmann in seinem Meister Floh — dort heißt von Kamps »Knarrpanti« — literarisch verarbeitet.

Jahndenkmal und Jahnsche Turngeräte in der Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 12.08.2001 Jahndenkmal und Jahnsche Turngeräte in der Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 12.08.2001 Jahndenkmal und Jahnsche Turngeräte in der Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 12.08.2001

Jahndenkmal und Nachbauten der Jahnschen Turngeräte in der Hasenheide, Aufnahmen vom 12. August 2001. Die Turngeräte sind heute nicht mehr vorhanden.

Der Farnweg in der Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 1820 wurde also das Turnen verboten und Jahn als Demagoge mit Festungshaft belegt. Frei kam er erst 1825, rehabilitiert wurde er sogar erst 1840. In der Hasenheide wurde weitergeturnt — nun aber illegal. Erst 1844 wurde an der nordöstlichen Ecke der Hasenheide unterhalb des Jahn-Denkmals wieder ein Turnplatz eingerichtet, der bis 1934 Betand hatte. An dieser Stelle standen bis vor wenigen Jahren sogar noch einige Replikate der Jahnschen Turngeräte, da das Bezirksamt diese aber nicht mehr unterhalten konnte, wurden sie abgerissen. Heute erinnert — neben dem schon erwähnten Jahn-Denkmal — noch der Sportplatz des deutschen Turnerbundes am südwestlichen Rand der Hasenheide sowie ein Regenauffangbecken für den Flughafen Tempelhof noch etwas weiter westlich inmitten einer Kleingartenkolonie, das einmal eine Radrennbahn (Rütt-Arena) war, an die sportliche Tradition der Hasenheide. Und natürlich die Jogger, die hier immer noch täglich ihre Runden drehen.

Nach dem Krieg wurde der Volkspark in den Jahren 1948 bis 1953 durch den Gartenamtsleiter Kurt Pöthig noch einmal umgestaltet. Die 69 Meter hohe Rixdorfer Höhe wurde aus 700.000 Kubikmeter Trümmern aufgeschüttet und wie das Naturtheater in der Hasenheide mit seinen 1100 Sitzplätzen 1954 eröffnet.

Denkmal für die Berliner Trümmerfrauen in der Hasenheide, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 1955 wurde auf der Rixdorfer Höhe das von Katharina Singer geschaffene Denkmal für die Berliner Trümmerfrauen enthüllt, das 1986 nach einer Renovierung am nördlichen Eingang zur Graefestraße einen neuen Standort fand. Von 1955 bis 1958 integrierte Prof. Helmut Bourmot einen Heide- und Rhododendrongarten in die ehemaligen Schießplatzwälle. 1963 wurde ein 200 Meter langer Farnweg angelegt, 1987 wurde der Rosengarten zwischen Freilichtbühne und Hasenschänke der Öffentlichkeit übergeben. Anfang der 90er Jahre erhielt die Hasenheide einen schon lange geplanten, künstlichen Teich.

Die Hasenheide heute ist ein »problematischer Park«, der von einigen als das größte Hundeklo Deutschlands — es gibt im Park auch ein viel zu kleines, nach Regen völlig verschlammtes und ständig übernutztes Hundeauslaufgebiet — bezeichnet wird, die anderen kennen sie als den bekanntesten Umschlagplatz für Drogen. Außerdem sind die Wiesen durch die im Mai hier stattfindenden Neuköllner Maientage, durch Griller und Freizeitsportler völlig überansprucht. Der Aufstieg auf die Rixdorfer Höhe lohnt nur im Winter, da die Sichtachsen völlig zugewachsen sind. Und dennoch: Der Neuköllner hat keinen anderen großen Park, also wird die Hasenheide heute wie damals fleißig und ausgiebig genutzt.

Im Rhododendron-Hain, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 Die Hasenschänke, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004 Plastik im Rosengarten, Photo: Gabriele Kantel, 23.05.2004

Artikel vom 3. Juni 2004. Photos: Gabriele Kantel. Ein Klick auf die Bildchen öffnet Vergrößerungen in einem neuen Fenster.

Weitere Berichte zur Hasenheide im Neuköllner Merkur

Literatur

Wolfgang Dreßen (Hg.): Selbstbeherrschte Körper. Turnvater Jahn - Olympia Berlin - Kinderspiele. Band 6 der Reihe Berliner Topographien, Berlin (Museumspädagogischer Dienst) 1986

Marina Goertz: Grüne Oasen in Berlin. Freizeit & Erholung in Parks und Gärten, Berlin (Nicolaische Verlagsbuchhandlung) 1999

Dieter Huhn: Hasenheide, Das Bezirksjournal Berlin, Ausgabe Neukölln, September 1999, Seite 3.

Stadtarchivdirektor Dr. Kaeber (Hg.): Von der Hasenheide bis zum Reichssportfeld. Geschichte des Sports in Berlin, Berlin (Verlag von E. Mittler und Sohn) 1936

Dorothea Kolland (Hg.): Rixdorfer Musen, Neinsager und Caprifischer. Musik- und Theatergeschichte aus Rixdorf und Neuköllln, Berlin (Edition Hentrich) 1990

Manfred Motel: Chronik von Rixdorf. Eine Festgabe aus dem Böhmischen Dorf zum hundertsten Jahrestag der Stadtwerdung von Rixdorf/Neukölln, Berlin (BA Neukölln) 1999

Marie-Louise Plessen (Hg.): Berlin durch die Blume oder Kraut und Rüben. Gartenkunst in Berlin-Brandenburg, Berlin (Nicolaische Verlagsbuchhandlung) 1985

Caroline Roeder: Neuköllner Disneyland für 1 Groschen, TAZ vom 6. August 1994, Seite 38

Gerd Steins: Die Berliner Hasenheide. Ihre Turnplätze von 1811 bis 1934. Mit einem Vorwort von Manfred Nippe, Berlin (Berliner Turnerbund) 1978

Gerd Steins: Wo das Turnen erfunden wurde... Friedrich Ludwig Jahn und die 175jährige Geschichte der Hasenheide, Berlin (Berliner Forum 6/86) 1986

Lothar Uebel (unter Mitarbeit von Hans-Werner Klünner): Viel Vergnügen. Die Geschichte der Vergnügungsstätten rund um den Kreuzberg und die Hasenheide. Kreuzberger Hefte VIII, Berlin (Nishen) 1985

Bezirksamt Wedding von Berlin (Hg.): »...wo eine freye und gesunde Luft athmet...« Zur Entstehung und Bedeutung der Volksparke im Wedding, Berlin (Kulturbuch-Verlag) 1988




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